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.Miss Markham erschien jeden Morgen, um mit mir spazieren zu gehen.Dabei lenkte sie meine Aufmerksamkeit auf verschiedene Objekte und wiederholte ihre Bezeichnung auf Französisch.»Un chien.«»Une maison.«»Un gendarme.«»Le boulanger.« Pflichtschuldigst wiederholte ich die Wörter, aber wenn ich etwas zu fragen hatte, fragte ich natürlich auf englisch, und Miss Markham antwortete mir auf Englisch.Es waren ermüdende Tage für mich: die endlosen Spaziergänge in Gesellschaft Miss Markhams; sie war nett, freundlich, gewissenhaft und langweilig.Mutter erfasste sehr bald, dass ich bei Miss Markham niemals Französisch lernen würde und dass ich Französischstunden von einer Französin bekommen müsse, die jeden Nachmittag kommen würde.Diese Neuerwerbung war Mademoiselle Mauhourat.Sie war groß, strotzte vor Gesundheit und bevorzugte als Kleidung zahllose kleine, braune Umhänge.Mademoiselle Mauhourat war eine sehr überschwängliche Person, und Überschwang schüchterte mich ein.Es fiel mir immer schwerer, auf ihr girrendes Quieken geziemend zu reagieren.»Oh, la chère mignonne! Qu’elle est gentille, cette petite! Oh, la chère mignonne! Nous allons prendre des leçons tres amusantes, n’est-ce pas?« Ich sah sie höflich, aber kühl an, ich glaubte nicht, dass dieser Unterricht wirklich lustig sein würde.Wenn Mutter mir dann einen strengen Blick zuwarf, murmelte ich nicht eben überzeugend: »Oui, merci«, was ungefähr das Total meiner damaligen Französischkenntnisse darstellte.Die Französischstunden gingen friedlich weiter.Wie immer war ich willig, aber offenbar auch schwer von Begriff.Mutter, die schnelle Erfolge schätzte, war mit meinen Fortschritten nicht zufrieden.»Sie kommt nicht so voran, wie sie sollte«, klagte sie bei Vater.»Lass ihr doch Zeit, Clara«, erwiderte mein stets verständnisvoller Vater.»Lass ihr Zeit.Die Frau kommt doch erst seit zehn Tagen.«Aber Mutter war nicht der Mensch, der anderen Zeit ließ.Der Höhepunkt kam, als ich an einer leichten Grippe erkrankte, die dann in eine Schleimhautentzündung überging.Ich hatte Fieber und fühlte mich gar nicht wohl.Als Rekonvaleszentin mit leichter Temperatur konnte ich den Anblick Mademoiselle Mauhourats nicht ertragen!»Bitte, erlass mir heute Nachmittag die Französischstunde«, bettelte ich.»Ich möchte nicht.«Mutter war immer verständnisvoll, wenn es gute Gründe gab.Sie stimmte zu.Als Mademoiselle Mauhourat zur gewohnten Zeit mit ihren Umhängen erschien, erklärte ihr Mutter, dass ich immer noch Fieber hätte und zuhause bleiben müsse.Es wäre vielleicht besser, die Stunde für heute ausfallen zu lassen.Mademoiselle Mauhourat war nicht zu halten.Aufgeregt, mit flatternden Umhängen, die Hände zusammenschlagend, eilte sie an mein Bett und beugte sich schwer atmend über mich.»Oh, la pauvre mignonne, la pauvre petite mignonne!« Sie würde mir vorlesen, sagte sie, sie würde mir Geschichten erzählen.Ich warf Mutter verzweifelte Blicke zu.Ich konnte es nicht ertragen! Ich konnte es keine Sekunde länger ertragen! Mademoiselle Mauhourats Stimme gellte mir in den Ohren.Schrill, quäkend – alles, was mir an einer Stimme missfiel.Meine Augen bettelten: »Erlöse mich von ihr! Bitte erlöse mich von ihr!« Mit fester Hand schob Mutter Mademoiselle Mauhourat zur Tür.»Ich halte es für besser, wenn Agatha heute Nachmittag Ruhe hat«, sagte sie.Sie begleitete sie hinaus, kam zurück und sah mich kopfschüttelnd an.»Alles schön und gut«, meinte sie, »aber du brauchst nicht so schreckliche Gesichter zu schneiden.«»Gesichter?«»Ja.Alle diese Grimassen und die Blicke, die du mir zugeworfen hast.Mademoiselle Mauhourat hat bestimmt gemerkt, dass du sie forthaben wolltest.«Ich war bestürzt.Ich hatte nicht unhöflich sein wollen.»Aber Mama«, wandte ich ein, »ich habe doch keine französischen Gesichter geschnitten.Es waren englische Gesichter.«Mutter fand das sehr spaßig und erklärte nur, dass Gesichterschneiden eine Art internationaler Sprache wäre, die man in allen Ländern verstand.Trotzdem berichtete sie Vater, dass Mademoiselle Mauhourat anscheinend nicht die Richtige wäre und dass sie sich anderweitig umsehen würde.Vater hatte nichts dagegen.»An Agathas Stelle«, sagte er, »würde ich diese Frau genauso unerträglich finden.«Befreit von den Liebesdiensten Mademoiselle Mauhourats und Miss Markhams begann ich mich meines neuen Lebens zu erfreuen.Im Hotel wohnte auch Mrs Selwyn, die Witwe oder vielleicht auch die Schwiegertochter von Bishop Selwyn, und ihre zwei Töchter, Dorothy und Mary.Dorothy (Dar) war ein Jahr älter als ich, Mary ein Jahr jünger.Bald waren wir unzertrennlich.Mir selbst überlassen, war ich ein gutes, artiges und gehorsames Kind.In Gesellschaft anderer Kinder allerdings war ich stets für jeden Schabernack zu haben.Im Besonderen machten wir drei den unglücklichen Kellnern an der table d’hôte das Leben sauer.Einmal leerten wir alle Salzfässer aus und füllten sie mit Zucker.An einem anderen Abend schnitten wir Schweinchen aus Orangenschalen und legten sie, kurz bevor die Glocke zur table d’hôte geläutet wurde, auf alle Teller.Diese französischen Kellner waren die gutmütigsten Menschen, die man sich vorstellen kann.Dabei denke ich vor allem an Victor, unseren eigenen Kellner.Er war ein kleiner, breitschultriger Mann mit einer langen höckerigen Nase.Nach meinem Dafürhalten stank er ganz entsetzlich – es war meine erste Begegnung mit Knoblauch.Trotz aller Streiche, die wir ihm spielten, grollte er uns nicht und bemühte sich sogar, besonders nett zu uns zu sein.Wenn wir nie in ernste Schwierigkeiten gerieten, so nur, weil der gute Victor sich nie bei der Direktion oder bei unseren Eltern über uns beklagte.Meine Freundschaft mit Dar und Mary bedeutete mir weit mehr als irgendeine meiner bisherigen Freundschaften.Möglicherweise hatte ich ein Alter erreicht, in dem ich dazu neigte, lieber an gemeinschaftlichen Unternehmungen teilzunehmen, als auf eigene Faust an die Dinge heranzugehen.Zusammen trieben wir viel Unfug und hatten eine Menge Spaß in diesen Wintermonaten.Natürlich gerieten wir durch unsere Streiche oft in Schwierigkeiten, aber nur in einem Fall empfanden wir gerechten Zorn über eine Rüge, die uns erteilt wurde.Mutter und Mrs Selwyn saßen friedlich plaudernd zusammen, als das Zimmermädchen ihnen eine Botschaft überbrachte: »Mit besten Empfehlungen von der belgischen Dame, die im Nebentrakt des Hotels wohnt.Wissen Mrs Selwyn und Mrs Miller, dass ihre Töchter auf der Brüstung des vierten Stocks spazieren gehen?«Man stelle sich die Gefühle der zwei Mütter vor, als sie in den Hof hinaus eilten, nach oben sahen und drei Gestalten erblickten, die fröhlich im Gänsemarsch über einen knapp dreißig Zentimeter breiten Mauersims balancierten.Es kam uns keinen Augenblick in den Sinn, dass wir uns in Gefahr befanden.Wir hatten eines der Stubenmädchen über Gebühr gepiesackt, und es war ihr gelungen, uns in eine Besenkammer zu locken und dann die Tür von außen zuzuschließen.Triumphierend hatte sie den Schlüssel im Schloss umgedreht.Wir waren sehr empört.Was war zu tun? Die Kammer hatte ein kleines Fenster.Dar steckte den Kopf hinaus und sagte, sie hielte es für möglich, uns durchzuwinden und dann auf dem Sims um die Ecke zu gehen und durch ein offenes Fenster wieder ins Haus zu gelangen.Gesagt, getan.Dar schlängelte sich als Erste durch, dann ich, dann Mary.Zu unserer Freude stellten wir fest, dass es ganz leicht war, über den Mauervorsprung zu gehen.Ob wir unterwegs hinunterschauten, weiß ich nicht, aber selbst wenn wir es getan hätten, ich glaube nicht, dass uns schwindlig geworden wäre und dass wir heruntergefallen wären.Immer wieder fasst mich Entsetzen, wenn ich Kinder sehe, die, die Zehen über den Rand, ohne jedes Schwindelgefühl oder andere Erwachsenenwehwehchen an einem Abgrund stehen und hinunterschauen.Wir brauchten nicht weit zu gehen [ Pobierz całość w formacie PDF ]

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