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.Und derhier war nicht arm, ganz gewiss nicht.Sein Gehrock undseine Weste waren aus bestem Tuch angefertigt - sahenlediglich zerknittert aus, so als habe er darin geschlafen.Sein Binder drohte jeden Moment aufzugehen, undeinen seiner Ärmel zierte ein Tintenklecks.Katie hattebereits herausgefunden, dass sie keinen Stutzer vor sichhatte.Aber bei ihm schien es sich auch nicht um einenKaufmannssohn oder einen Beamten zu handeln.Alswas, um alles in der Welt, hatte sie sich ihn dannvorzustellen?Das Mädchen schob ein paar Haarsträhnen beiseite,um einen besseren Blick auf ihn werfen zu können.Zu ih-rer Verwunderung tat er es ihr gleich.Seine Handbewe-gungen erschienen ihr wie ein Spiegelbild ihres eigenenTuns.Wieder lächelte der Fremde, aber noch mehr nahmensie seine Augen gefangen.Mit ihrem warmen und tiefenBraun erinnerten sie Katie an schmelzende Schokolade,die sie einmal in einer Konditorei stibitzt hatte.Seltsa-merweise verspürte sie den Wunsch, ihn ebenfalls anzu-lächeln.Zur Sicherheit setzte sie ihre finsterste Miene auf.»Wer seid Ihr überhaupt, verdammt noch mal?« »EinFreund Eurer Adoptivmutter.« Ein Freund? Katierümpfte misstrauisch die Nase.Sie hatte bereits genugvom Leben gesehen, um zu wissen, dass Männer undFrauen niemals nur Freunde sein konnten.Der hier sahauch entschieden zu jung aus, um Effies Liebhaber seinzu können.Zu jung und gleichzeitig dieser verrücktenAlten an Weisheit und Reife himmelhoch überlegen.»Wer immer Ihr auch sein mögt, verduftet«, beschiedsie ihn.»Ich will nicht reden, und einem solchenRiesentrottel wie Euch habe ich schon gar nichts zusagen.« Das hatte ihn eigentlich dazu bewegen sollen,wutentbrannt die Kutsche zu verlassen.Aber stattdessensah er sie enttäuscht an.Katie wand sich.Was, zumTeufel, interessierte es sie, wenn er traurig war?Nachdem sie für einige Momente solcherart mit sich ge-rungen hatte, fragte sie schließlich knurrig: »Und worü-ber, Hölle noch mal, wolltet Ihr mit mir sprechen?« »Ichwollte Euch nur in Eurem neuen Zuhause willkommenheißen.«»Das ist nicht mein Zuhause, und da bleibe ich sowiesonicht.Sobald ich eine Gelegenheit habe, laufe ich davon,und keiner wird mich aufhalten können.« Trotzig schobsie das Kinn vor.Mal sehen, wie ihm das schmeckte.Aber der »Freund« sah Katie nur traurig und ernst an.»Nun, vermutlich könnte ich Euch wirklich nicht aufhal-ten«, entgegnete er dann, »wenn es Euch hier gar nichtgefällt.Aber falls es dazu kommen sollte, wäre ichfurchtbar traurig.«»Was kümmert es Euch denn? Die meisten Menschensind heilfroh, mich loszuwerden.Die alte Crockett imWaisenhaus hat extra für diese Gelegenheit einFläschchen Rum aufgehoben.Sie meinte, endlich würdesie den leibhaftigen Teufel los.«Seine Mundwinkel zuckten, aber er blieb ernst: »DieseFrau Crockett hat da aber ziemlich falsch gelegen.Ichwette, sie kannte Euch nicht so gut, wie ich Euch gernkennen lernen möchte.Ihr erscheint mir nämlich alsebenso interessantes wie intelligentes Mädchen.« Katierunzelte unsicher die Stirn.Wenn er ihr gesagt hätte, siesei hübsch, charmant und süß, hätte sie gewusst, was sievon ihm zu halten hatte.Aber er hatte Recht, sie warwirklich gescheit, und das mit dem »interessant« warwohl auch nicht allzu weit hergeholt.Das Mädchenrutschte hin und her.Hier unten auf dem Boden kam esihr plötzlich ungemütlich und beengt vor.Sie warf ihremBesucher einen kritischen Blick zu, entschied, dass erharmlos genug war, und kroch dann unter der Bankhervor, um sich auf die Bank ihm gegenüber zu setzen.Er rührte sich nicht von der Stelle, und seine Händeblieben auf dem Griff des Gehstocks.Überhaupt gingeine Ruhe von ihm aus, wie sie es noch nie bei einemMenschen erlebt hatte.Ohne sich das erklären zukönnen, wirkte seine bloße Gegenwart beruhigend aufsie.Mit einem leisen Seufzen lehnte sie sich gegen diegepolsterte Rückenlehne.»Ihr seid sicher sehr müde, nach einer so langenReise«, bemerkte der Mann jetzt.Das stimmte natürlich, aber so weit waren sie beidenoch lange nicht, dass sie so etwas hätte zugebenkönnen.Also zuckte Katie die Schultern und entgegnete:»Ach, so schlimm war es nun auch wieder nicht.Ich fandes sogar recht lustig, die dummen Gesichter von denanderen Trotteln im Waisenhaus zu sehen, als ich voneiner so vornehmen Kutsche abgeholt wurde.« »Mir tundie Pferde Leid.«»Von wegen! Das sind ganz tolle Tiere, verdammt nochmal!«»Mag sein.Aber bestimmt ist es nicht gut für sie, wennman sie so lange in der kalten Nachtluft stehen lässt.Von der langen Fahrt sind sie noch schweißnass.Daholen sie sich leicht eine Erkältung.Vielleicht sogar eineLungenentzündung.«»Blödsinn! Pferde kriegen doch keine Lungenentzün-dung«, entgegnete sie ungehalten.Für was für eineIdiotin hielt er sie eigentlich? Aber dann stieg eineunangenehme Erinnerung von einem ihrer vielenFluchtversuche aus Mrs.Crocketts Waisenhaus in ihr auf.Sie war damals im Gasthaus »Zur Glocke und Krone«untergekrochen, und einer der Stallburschen hatte sichrecht nett um sie gekümmert.Als er ihr Interesse fürPferde bemerkte, durfte sie ihm dabei helfen, die Tierezu tränken.Und er hatte ihr unter anderem das Gleicheerzählt wie dieser Fremde hier.Man durfte Pferde nachder Arbeit nicht zu lange draußen stehen lassen.Von schlechtem Gewissen erfasst, grummelte sie:»Dann soll dieser Trottel von einem Kutscher sie endlichausspannen und abreiben.«»Ja, das könnte er, aber dann bliebe die Kutsche hierstehen und würde den Weg versperren.« »Wieso rollt erden verdammten Wagen dann nicht ins Kutschhaus?«»Und Euch drinnen lassen? Ich fürchte, es würde Euchwenig gefallen, im Kutschhaus eingesperrt zu sein.Dortist es nämlich furchtbar kalt und dunkel.« »Davor fürchteich mich nicht.Das bin ich gewohnt.« »Das glaube ichgern«, bestätigte der junge Mann.Aber warum er sichdabei so traurig anhörte, ging über Katies Verstand.»Aber Ihr wärt auch eingesperrt, und ich glaube, daswürdet Ihr nicht so leicht ertragen.« Gegen ihren Willenzuckte das Mädchen zusammen.Damit hatte der Mannverdammt Recht.Sie hasste das Gefühl, in der Falle zusitzen und eingesperrt zu sein.Dann bekam sie einbeklemmendes Gefühl in der Brust, so als würde jemandihre Lungenflügel zusammendrücken.Aber woher wusste der Fremde das? Fast hätte sieglauben mögen, er sei in ihren Kopf gestiegen, spazieredarin herum und könne sie daher viel besser verstehenals alle anderen Menschen.Ein unangenehmes Gefühl,und sie legte rasch schützend die Arme um sich.Diehastige Bewegung erinnerte sie wieder an dieSchmerzen in der Faust.»Was ist denn mit Euch? Habt Ihr Euch verletzt?« Trotzseiner Freundlichkeit passten die braunen Augen sehrgut auf, ihnen entging wirklich nichts.Das Mädchen zuckte nur die Schultern.»Ach, das istnichts.Ich habe mir nur die Knöchel aufgeschürft, als ichdiesem Klotzkopf von Postillion ein Ding verpassenmusste.«»Lasst mich doch bitte mal sehen.« Der Fremde beugtesich vor.Kate rutschte von ihm fort und stellte alle Sta-cheln auf.»Geht schon in Ordnung«, beruhigte er sie,»ich lasse mich gerade zum Arzt ausbilden und kannetwas Übung gut gebrauchen.«Das Mädchen hätte sich am liebsten noch weiter vonihm entfernt und ihn aufgefordert, sich zum Teufel zuscheren.Aber irgendwie konnte sie das nicht.Dasmusste etwas mit seinen Augen zu tun haben, die sowarm wie ein Feuer an einem kalten Winterabendleuchteten [ Pobierz całość w formacie PDF ]

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